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Unser Weg zum Elektroauto - Teil I


"Der letzte Verbrenner"

Wer schon einmal in den Genuss des Fahrkomforts eines modernen Elektroautos gekommen ist, möchte den Anteil seiner Verbrenner-Mobilität alleine aus Komfortgründen wohl möglichst schnell reduzieren. 
Wer sich jetzt denkt "So ein Blödsinn" oder gar nur an Greta Thunberg denken kann ist wahrscheinlich noch nie länger selbst ein Auto mit elektrifiziertem Antrieb gefahren. 
Pro-Tipp: Hier lesen aufhören und beim Autohändler des Vertrauens eine ausgiebige Probefahrt mit einem aktuellen Elektroauto vereinbaren! Den BMW i3, einen Nissan Leaf 2 oder einen der Koreaner von Hyundai/Kia mal ausführlich testen. 
Auch wenn aktuell gar kein Autokauf geplant ist - zum Erfühlen des Unterschieds und zur Horizonterweiterung sollte man den Aufwand auf sich nehmen. 
Ich würde hier gerne den Vergleich zu eBikes ziehen, bei denen man im ersten Moment nur an "Seniorenmobilität" denkt, bis er bei der ersten Fahrt einen großen Aha-Moment erlebt. 

Die Anforderungen an unsere Mobilität sind jedoch unterschiedlich, wie bei wenigen anderen Themen. Fährt man meist alleine, nur in der Stadt oder viel Überland, macht man Urlaub mit dem Auto, plant man einen Hausbau oder benötigt man nur einen Zweitwagen zum Kinder-zur-Schule-bringen? Ich bin in der glücklichen Lage weder regelmäßig auf Langstrecke zu müssen, noch unter Termindruck reisen zu müssen. Für mich ist der Weg zumindest ein Teil des Ziels und wenn durch das Thema Elektromobilität auch ein wenig Abenteuerfeeling aufkommt, stört mich das sicher weniger als jemanden der über weite Distanzen auf die Minute bei einem Termin ankommen muß.
Hier kann ich nur von meinen Anforderungen ausgehen - Your mileage may vary...

Zurück zu meiner konkreten Ausgangslage

Nachdem beim letzten Fahrzeugkauf vor vierzehn Jahren keine für mich alltagstauglichen Elektroautos verfügbar waren, wurde ein damals zwei Jahre alter Toyota Prius NHW20 Executive mit dem vielgelobten HSD Antrieb angeschafft. 
Dieser Antriebsstrang ist ein Meisterstück der Ingenieurskunst, wenn man sich die Details der zwei Motor-Generatoren in Verbindung mit dem Planetengetriebe im Detail ansieht. Durch die fehlende Kupplung fährt man hier ein echtes "Direct Drive" Fahrzeug, trotz überwiegendem Vortrieb mittels Verbrennungsmotor.  
Ein Emotionen auslösendes Auto schaut aber mit Sicherheit anders aus. Hier wurde alles auf Praktikabilität und Effizienz hin optimiert. Fahrwerk und die Sitze können mit der deutschen Konkurrenz nicht mithalten, wenn man auch mal gerne dynamischer unterwegs ist. Dafür gibt sich der Prius im Alltag relativ spritsparend, auch bei höherem Autobahntempo (für mich ab Tacho 150 in Deutschland). 
Im Kurzstreckenbetrieb und in Bezug auf Platzangebot bietet er genügend Platz für unseren Alltagsbedarf - mit Ausnahme vom Fahrradtransport, der durch das nach unten gezogene Heck nur knapp ein ausgewachsenes Fahrrad aufnimmt. Ein echter Kombi, der eine quadratische Öffnung hat á la Skoda Superb, 5er Touring oder E-Klasse T-Modell ist dafür sicher besser geeignet.


Was für den HSD und andere elektrifizierte Antriebe spricht

Der HSD-Antrieb bringt die benötigte Leistung durch die Kombination eines 50kW Elektromotors mit einem 58kW Verbrenner zu den Rädern. Dadurch ist die Drehzahl des Verbrenners nicht von der Geschwindigkeit abhängig, wie bei einem "normalen" Auto, sondern direkt mit der Lastanforderung gekoppelt. In normalen Lastsituationen wird der Verbrenner also im optimalen Drehzahlbereich gehalten, bleibt dabei Leistung übrig wird die Batterie gespeist, wird wieder ein wenig mehr Leistung benötigt, kommt der zusätzliche Anrieb aus der Batterie. Bei sehr geringer Leistungsabgabe ist auch vollelektrischer Vortrieb möglich, allerdings eben nur bei geringer Lastanforderung, die man aber im heutigen Autofahreralltag nur allzuoft erlebt - im Stau, Stop-and-go und beim Rangieren.

Während einer längeren Bergauffahrt oder auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahn heult der Motor dafür auch schon mal lauter auf - das lässt sich aber durch Zurücknehmen der Gaspedalstellung direkt wieder reduzieren. In Folge dessen erzieht der Prius seinen Fahrer Vollast nur möglichst selten abzurufen. 
Am effizientesten kommt man mit einer Pulse-and-Glide-Fahrweise voran, die sich nicht durch konstante Geschwindigkeit, sondern vorausschauende Anpassung kennzeichnet. Abwärtsstrecken werden rollend ausgenutzt und die kinetische Energie möglichst nicht unnötig vernichtet. Ich denke dieser Fahrstil in Verbindung mit dem hohen elektrischen Drehmoment und der direkten Rückmeldung über den Verbrauchsverlauf während einer Fahrt (nicht nur der Momentanverbrauch) sorgen für ein besonders entspanntes Fahren, das in einem Elektroauto durch den fehlenden Verbrenner und somit weniger Geräusche und Vibrationen dann nochmal deutlich gesteigert wird. 
Besonders ungewohnt für Verbrennerfahrer ist sicherlich das Verhalten bei geringsten Geschwindigkeiten: 
Während in einem Fahrzeug mit Schaltgetriebe eine Kupplung zwischen 0 und Leerlaufdrehzahl (zB 800Upm) vermitteln muß, kann ein Hybrid ganz entspannt mit beispielsweise 1 km/h in einem Parkhaus rangieren oder im Stop-and-go kriechen.
Bei Automatiken wie den VW-Doppelkupplungsgetrieben muß man sich zwar auch nicht mit der Kupplung beschäftigen, merkt aber die mechanische Vorspannung, unter der der gesamte Antriebsstrang (und der Technikaffine Fahrer) mit dem Material leidet.
Bei einem HSD-Antrieb jedoch ist jede Geschwindigkeit eines Kriechgangs problemlos möglich. Eine extrem steile, kurvige Garagenausfahrt, die nur mit geringstem Tempo und ohne Schwung befahren werden kann ist mit einem Verbrennerfahrzeug meist nur mit heulendem Motor und Abnutzung der Kupplung befahrbar, während in einem Elektrofahrzeug der Motor über die Anforderung nur lacht, auch wenn das Fahrzeug voll beladen ist, da ja bekanntermassen in der Praxis direkt das volle Drehmoment anliegt. 


Ich warte auf Wasserstoff 

Viele denen die Vorteile eines Elektroautos bewusst sind lassen sich von den Medien einreden, daß alles viel einfacher wäre, wenn wir auf Wasserstoff umsteigen. Ein Blick auf die aktuelle Tankstellenlandkarte unter http://h2tankstellen.cleanenergypartnership.de/ zeigt schnell, daß es in Österreich aktuell genau vier Wasserstoff-Tankstellen gibt, davon ist eine Stand 28.02.2020 auch noch defekt (was wohl häufiger vorkommt).
Die nächstgelegene Tankstelle in Linz oder Innsbruck wäre etwa mit einer halben Tankfüllung eines Toyota Mirai zu erreichen - ich müsste also bei Ankunft in Salzburg schon wieder umdrehen, damit ich die Tankstelle wieder erreiche. Neben der Verfügbarkeit ist Wasserstoff aber auch teurer als Strom (Wandlungsverluste/Effizienz) und das Tanken ist in der Praxis auch noch langsamer als Stromtanken an UHPC-Schnelladesäulen wie Ionity, Fastned oder den Superchargern. 
Auf dem YouTube-Kanal von 163 Grad findet man unter anderem interessante Praxistests der H2 Fahrzeuge Mirai, Nexo und GLE-F-Cell, als auch gute Erklärungen zur Technologie.
Wasserstoff erklärt: https://youtu.be/jv4m8Lcvh2s
2019er Nexo im Praxistest: https://youtu.be/YP2Vsg8oKjE
In LKWs, zum Ersatz einer Ölheizung oder in anderen Großverbrauchern mit möglichst konstanter Leistungsanforderung macht Wasserstoff fraglos Sinn. 


Andere Argumente sprechen gegen einen neuen Verbrenner in meinem Einsatzszenario

Durch das Downsizing und den dadurch ausgelösten Bedarf nach (Turbo-)aufladung und die aufwändigen Abgasnachbehandlungssysteme sind moderne, reine Verbrennerfahrzeuge meiner Erfahrung nach inzwischen sehr ineffizient im Kurzstreckenbetrieb - der in meinem Fall aber einen großen Teil unserer Familienmobilität ausmacht: 
Bei schönem Wetter und passendem Anlass legen wir als Familie im Alltag viele Strecken per Fahrrad zurück, ich bin jedoch nicht dazu bereit alle Großeinkäufe oder Schul-Bring-Shuttledienste bei schlechtem Wetter ohne Dach über dem Kopf zu absolvieren.

Auch die Wartungskosten moderner Verbrenner dürften meiner Einschätzung nach auf lange Sicht im Vergleich zu älteren Verbrennern im Alter dann deutlich steigen. Gerade aber die Jungwagen, die man nach dem größten Wertverlust - also nach zwei bis drei Jahren kauft und dann etwa fünf Jahre lang oder gar bis zum bitteren Ende nutzt - werden dadurch wohl deutlich teurer im Betrieb, sobald die Garantie auf den Antriebsstrang abgelaufen ist.
Ein defektes AGR-Ventil, ein Turbo oder eine Zylinderkopfdichtung geht bei den heutigen Stundensätzen schnell ins Geld. Und wenn Fahrzeughersteller in ihren Statistiken angeben, ein Drittel ihres Umsatzes stamme aus Werkstattarbeiten, dann weiß man, warum die Autohändler sogar interessierten Käufern die eigenen Elektroautos ausreden möchten.

Nachteilig bei Verbrennern empfinde ich auch die benötigten regelmäßigen Wartungen, die Großteils nicht nur pro zurückgelegtem Kilometer, sondern auch nach Zeitintervallen fällig werden. Fahrzeuge, die wenig oder unregelmäßig bewegt werden, müssen trotz geringer Jahresfahrleistung Ölwechsel über sich ergehen lassen. 
Meinen Roadster fahre ich im Schnitt nur etwa 2000km im Jahr - dieses Auto steht also rund 50 Wochen im Jahr nur herum. Die Flüssigkeiten müssen trotzdem zumindest zweijährlich gewechselt werden, was nicht nur unnötige Kosten verursacht, sondern auch die Umwelt unnötig belastet. Der Erstwagen wird zwar mehr bewegt, aber trotzdem erreiche ich bei diesem Fahrzeug auch keine 10000km im Jahr. Bei so geringen Jahresfahrleistungen summieren sich die Kosten für Betriebsflüssigkeiten im Vergleich zu variablen Kosten des Autobetrieb ganz gewaltig.
Zu den Argumenten gegen einen neuen Verbrenner kommt der absehbar erhöhte Wertverlust, sobald mehr Menschen in Richtung Elektromobilität schwenken oder die Politik weitere Maßnahmen zur Attraktivierung elektrifizierter Mobilität umsetzt.


nicht jedes Auto muß alle Anforderungen eines Familienerstwagens erfüllen

Am liebsten wäre mir zeitweise überhaupt der Verzicht auf ein eigenes Auto. Ohne passende Carsharing oder Mietwagenangebote für die Momente, in denen man das Auto dann aber doch benötigt, ist dies aber in Salzburg - Stand 2020 - noch nicht möglich.


Und jetzt?

Da sich die Technologie so rasant weiterentwickelt hat, daß für meine Anwendungszwecke nun auch vollelektrische Autos "erstwagentauglich" werden, beginnt nun die Suche nach einem Nachfolgefahrzeug für meinen altgedienten Japaner. 
Der Prius 2 funktioniert noch ohne gröbere Probleme, so daß wir uns mit der Suche Zeit lassen können. Durch die Flottenverbrauchsvorgaben für 2020 erwarte ich gegen Ende des Jahres einen steigenden Druck auf die Autohändler Neue Elektroautos zu verkaufen und erhoffe mit dadurch sinkende Gebrauchtwgenpreise. 
Ich beabsichtige einen Fahrzeugwechsel gegen Ende 2020, je nach Entwicklungen der nächsten Monate. Nach Möglichkeit überlasse ich gerne jemand anderem den Wertverlust der ersten 12-24 Monate, was die 2020 frisch erhältlichen Elektroautos als Ergebnis meiner Suche recht unwahrscheinlich macht.
Ich bin zwar totaler PetrolElektrohead, aber ich weiß, daß es keine bessere Möglichkeit gibt, Geld zu vernichten als einen Neuwagen zu kaufen. Meine Nachbarn brauche ich auch nicht zu beeindrucken - denn einen Riesen-SUV eines deutschen Herstellers kann und will ich mir als frisch verschuldeter Wohnungskäufer nicht vor die Garage stellen. Demzufolge gilt es einen familientauglichen Erstwagen für ein Budget zwischen 20-25t Euro zu finden.

Die Suche auf dem Gebrauchtmarkt beginnt hiermit und wird in weiteren Teilen fortgesetzt. Es würde mich freuen, wenn Du uns auf der Reise begleitest - und ich bin gerne an anderen Sichtweisen und hilfreichem Input zum Thema interessiert.

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